Lob auf den Ehrenpreis
Ein kleines, fast unscheinbares Pflänzchen mit vergissmeinnichtähnlichen, blassblauen, seltener weißlichen Blütchen, mit dunklen Adern durchzogen, das ist der Ehrenpreis.
Bei unseren Vorfahren stand es in so großem Ansehen, dass sie es “Grundheil aller Schäden“ nannten und der Glaube an seine Heilkraft muss sogar die später einfallenden Römer überzeugt haben, denn angeblich galt der Ausspruch: „So viele gute Eigenschaften zu haben, wie der hochgepriesene Ehrenpreis“ bei ihnen als besonderes Kompliment!
Ehrenpreis gibt es in zahlreichen Arten, 20 bis 30 von ihnen unterscheidet man allein in Deutschland. Sie besiedeln die verschiedensten Standorte und wachsen auf magerem Rasen wie der Feldehrenpreis (Veronica arvensis), in Gärten und auf Brachland der Persische Ehrenpreis (Veronica persica) oder sogar in Bächen und Tümpeln der Gauchheil-Ehrenpreis (Veronica anagallis, aquatica); es gibt sogar Züchtungen, die als Zierpflanzen Freunde machen, meist als niedrige, polsterbildende Stauden für Stein- und Heidegärten, aber auch als halbhohe und hohe Blütenpflanzen für die Staudenrabatte und sogar als Schnittblumen.
Ehrenpreis zählte man lange zu den Braunwurzgewächsen (Scrophulariceae), neuere Untersuchungen aber haben gezeigt, dass sie zu den Wegerichgewächsen (Plantaginaceae) gehören.
So zahlreich die Ehrenpreisarten auch sind und z. T. schwierig zu unterscheiden, als Heil- und Arzneipflanze wurde immer nur eine einzige verwendet, Veronica officinalis, Echter oder Wald-Ehrenpreis.
Hauptblütezeit ist Mai und Juni, doch da die Inhaltsstoffe der Pflanze recht stabil sind, kann man das Kraut vor, während oder nach der Blütezeit pflücken.
In verschiedenen Teemischungen, wie Leber-, Lungen-, Brust- und Haustees, findet sich Ehrenpreis oftmals auch heute noch als einer ihrer Bestandteile, wenngleich in den letzten Jahren die Stimmen, welche den Ehrenpreis für wenig wirksam halten, immer lauter geworden sind.
Die großen Kräuterkenner der Vergangenheit waren da ganz anderer Ansicht.
Pfarrer Kneipp z. B. lobte seine blutreinigende Wirkung, er betrachtete den frischen Presssaft als einen besonders wirkungsvollen Bestandteil einer Frühjahrskur. Dr. Bohm (ebenfalls Spezialist auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde), empfahl ihn gegen Gelbsucht und Harngrieß und Pfarrer Künzle, der bedeutendste Schweizer Heilkräuterkenner setzte die Pflanze gern zur Beruhigung der Nerven, speziell derer des Kopfes ein, bei Schwindel, Blutandrang zum Kopf und bei Migräne. Geistesarbeitern gab er den Rat, jeden Abend eine Tasse Ehrenpreistee zu trinken, auch zur Unterstützung des Gedächtnisses (zwei gehäuften Teelöffeln Kraut auf einen viertel Liter siedendem Wasser, zehn Minuten abgedeckt ziehen lassen; bis zu drei Tassen täglich).
In der Erfahrungsheilkunde galt er immer schon als probate Hilfe gegen Hautjucken, oftmals ein lästiges Problem älterer Menschen, aber auch gegen trockenen Bronchialkatarrh und wegen seiner leicht anregenden Wirkung auf die Verdauungsorgane auch als mildes Magenmittel.
Eine Pflanze, die blutreinigend wirkt, mildert auch die Beschwerden von Rheuma und Gicht, unterstützt die Nieren und stärkt das Immunsystem. Die Ansicht, dass es für die verschiedenen Indikationen auch unter den Heilpflanzen stärker wirkende gibt, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, doch manchmal sind es gerade die mild und allgemeiner in das Körpergeschehen eingreifenden Pflanzen, welche besonders gut in der Lage sind, vor allem bereits länger andauernde Disharmonien im Stoffwechselgeschehen langsam zwar, dafür aber nachhaltig abzubauen und auszuheilen.
Als Hauptwirkstoffe von Veronica officinalis werden Gerbstoffe, Bitterstoffe, Spuren ätherischer und fetter Öle und das Glykosid Aucubin genannt, dazu kommen Zucker, Wachse, Harz und organische Säuren. Das alles sind Substanzen, welche auch die anderen Ehrenpreisarten beinhalten, nur z. T. in geringerem Maße, sodass man diese nicht als Heilpflanzen betrachtet, als wertlos aber sollten wir sie trotzdem nicht ansehen. Persischer Ehrenpreis z. B. ist eine sehr vitale Pflanze, in vielen Gärten ist er als wucherndes Wildkraut zwischen den Kulturen zwar nicht gern gesehen, doch eine handvoll frischer Triebe sollte man öfter einmal mit in die Küche nehmen, sie sind eine angenehm schmeckende Zutat, zu den verschiedensten Gerichten, chlorophyllreich, mild im Geschmack und voller Vitalstoffe, wachsen und blühen sie doch sogar an milden Wintertagen.
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