Von Hans Peter Rusch. 7. , unveränderte Auflage 2004. 256 Seiten. Fototafeln. Hardcover. ISBN 978-3-922201-45-8
Nicht nur unter den ökologisch orientierten Bauern, Gärtnern, Haus- und Kleingärtnern, sondern auch im Kreis der konventionell denkenden, forschenden und arbeitenden Land- und Gartenbaufachleuten ist der "Rusch" wie selbstverständlich seit Jahrzehnten ein Betriff. Der Arzt und Mikrobiologe Dr. Hans Peter Rusch prägte den Begriff vom "Kreislauf der lebenden Substanz" als Grundlage für alles biologische Denken und Handeln: "Mensch und Tier [...] sind von der Pflanze direkt oder indirekt abhängig, die Pflanze selbst wieder vom Boden, zu dem Reste und Abscheidungen aller Lebewesen zurückkehren und den Kreislauf der Substanz und Energie in der Natur schließen." In diesem Buch setzt sich der Autor mit Mikrobiologie und ihrer entscheidenden Rolle für die Bodenfruchtbarkeit auseinander.
Der Autor
Dr. Hans Peter Rusch (1906-1977), Arzt und Mikrobiologe. Er entwickelte einen mikrobiologischen Bodentest ("Rusch-Test"), der die Menge und Qualität der lebenden Substanz im Boden feststellt, was mit chemischen Methoden nicht erfasst werden kann. Hans Peter Rusch begründete zusammen mit dem schweizer Biologen, Agrarpolitiker und Bauernführer Dr. Hans Müller die organisch-biologische Landbaulehre. Grundlage dafür waren ihre Arbeiten über die Pflege des Bodens und den Erhalt seiner langfristigen. Hier nach haben sich in Deutschland Bauern, Gärtner, Winzer und Imker zum BIOLAND e.V. Verband für organisch-biologischen Landbau zusammengeschlossen und verbindliche Richtlinien erarbeitet, nach denen sie nunmehr seit über zwei Jahrezehnten wirtschaften.
Inhaltsverzeichnis
Presseinformation
Bodenfruchtbarkeit von Dr. Hans Peter Rusch neu aufgelegt!
Bodenfruchtbarkeit von Dr. Hans Peter Rusch neu aufgelegt!
Durch den Organischen Landbau Verlag Kurt Walter Lau in Xanten am Niederrhein, erfolgte die 7. Auflage dieses bahnbrechenden Werkes, von dem Prof. Dr. med. Helmut Mommsen, Frankfurt a. Main, seinerzeit sagte: "Es sei das wichtigste Buch, das in den letzten hundert Jahren erschienen ist" (Dr. Mommsen war langjähriger Leiter des von Dr. Rusch gegründeten Arbeitskreises für mikrobiologische Therapie.)
Das Buch ist das Standardwerk des organisch-biologischen Landbaues und die Grundlage der organisch-biologischen Methode, die in ihrer ursprünglichen und reinsten Form dargestellt und durchgeführt wurde in den Jahren 1951 bis 1988 durch die Möschberg-Bauernschaft unter der Leitung des Schöpfertrios Dr. Hans- und Maria Müller und Dr. Hans Peter Rusch.
Rusch selbst zu diesem Ereignis: "Noch weiß die Mitwelt nicht, welch leuchtendes Beispiel da geschaffen wird, sie wird es erkennen müssen, wenn sie nicht an sich selbst zugrunde gehen will."
Dieser so zusammengeschweißten "Forschungsgemeinschaft" gelang es in jenen Jahren in der Schweiz, eine Landbaumethode zu entwickeln, die bewies, daß es möglich ist, flächendeckend, ohne Chemikalien, rein biologisch zu wirtschaften und befriedigende Ernte-Ergebnisse zu erzielen. Es war dies eine bahnbrechende Tat.
Leider wurde diese reine Ur-Methode, die die Grundlage bildet für alles, was sich ökologischer Landbau nennt, bis zur Unkenntlichkeit verfälscht, verschlampt, weitgehend vernachlässigt und aufgegeben. Das Buch geriet überhaupt in Vergessenheit. Im biologischen Landbau, in den großen Verbänden, redet man seit Jahrzehnten nur mehr von Marketing und Management und nicht mehr vom Boden als dem Lebensträger dieser Erde.
Rusch's Buch dreht sich aber ausschließlich um diesen Punkt, den gesunden Boden, im gesunden biologischen Kreislauf, ruhend in der göttlichen Ordnung, nur er bringt Gesundheit in die Pflanze und durch sie in das Tier und den Menschen. Jeder stoffliche Eingriff in diese Harmonie, wie der Kunstdünger es ist, bringt Unordnung ins ganze System und muß län-gerfristig zur Entartung führen. Dieser große biologische Kreislauf "der Kreislauf der lebenden Substanz", wie er ihn nennt, und damit die große Überschau über alle Lebensvorgänge, das Ganzheitsdenken, ist Zentralthema dieser Studie, einer Studie biologischen Denkens, wie Rusch selbst im Untertitel sein Buch nennt.
Das zweite, immens wichtige Thema dieser Schrift ist der Lebensakt der Bodenbildung, gewissermaßen der Mittelpunkt des großen Kreislaufes. Alle großen Bodenforscher vor Rusch, wie Raoul Francé, Rudolf Steiner, Sir Albert Howard, Fritz Caspari, Ewald Könemann, weisen mehr oder weniger ausführlich daraufhin, welch eminent wichtige Rolle der Quarz (Silicium) bei der Bodenbildung spielt. Rusch bringt es auf den Punkt: Es ist das Tonkristall, das kleinste Quarzkristall, das einzig und allein imstande ist, mit der Lebendsubstanz (organische Substanz) des Bodens den Krümel zu bilden, und damit jenes Gebilde, das ebenfalls einzig und allein imstande ist, mit Hilfe von Mikroorganismen den Lebensträger der Erde, den gesunden Mutterboden, zu bauen.
Einen weiteren Teil des Buches nimmt die Erklärung des "Rusch-Testes" ein; Rusch hat eine genial einfache Methode entwickelt, den Boden nach seinen Lebensaktivitäten zu messen, sowohl nach deren Menge, als auch nach deren Güte. Dieser Test war ein fester Bestandteil der Beratung und Kontrolle des Schweizer Möschberg-Bauernverbandes und ist die Grundlage für eine mikrobiologisch kontrollierte, geschlossene Humuswirtschaft.
Der segensreiche Test wird nicht mehr durchgeführt, das Buch der Bodenfruchtbarkeit wurde vergessen, die Methode wurde verschlampt und verdorben, der Möschberg an eine Bank verkauft. Quo vadis organisch-biologischer Landbau? In die Verwissenschaftlichung? In die Verbürokratisierung? In Marketing und Management ohne Rücksicht auf die Güte der Produkte?
Die Landwirtschaft der Zukunft wird eine biologische sein oder sie wird nicht mehr sein – aber auch diese ökologische Richtung wird nicht mehr sein, wenn wir nicht zurückkehren zu Rusch. Das wären wir ihm, seinem Werk und dem Wohlergehen dieses Planeten tausendfach schuldig.
Rezension von Ing. Helga Wagner in "Der Bäuerliche Pionier – Mitteilungsblatt der Förderungsgemeinschaft für gesundes Bauerntum", Nr. 3, Oktober 2004 (24. Jahrgang), A-Leonding
Die Basis des Bioland-Anbaus
"Auch 40 Jahre nach seinem Erscheinen sind viele seiner Grundgedanken noch richtungweisend für die Weiterentwicklung des biologischen Landbaus", schrieb Dr. Edwin Scheller in einer Rezension der Neuauflage des Buches "Bodenfruchtbarkeit" von Hans Peter Rusch in bioland 8/2004.Der Autor formulierte in dieser Rezension allerdings auch Kritikpunkte an der Lehre Ruschs aus seiner heutigen, wissenschaftlichen Sicht. Dazu nehmen im Folgenden zwei Pioniere des Bioland-Anbaus, Siegfried Kuhlendahl und Alfred Colsmann, Stellung.
Entscheidend ist die lebende Substanz
Die Unterstellung Schellers, Rusch seien "aus heutiger Sicht gravierende Fehlurteile und eine Fehleinschätzung der Humusfunktion im Boden unterlaufen" ist so ungeheuerlich, dass es einer Aufklärung bedarf am besten durch, Dr. med. habil. Hans Peter Rusch selbst mit einem Auszug aus seinem Beitrag: "Mineralisation der lebenden Substanz" in "Kultur und Politik" [Jg. 29,3/74, S. 15-17): " Im lebenden Mutterboden ist der Stoffwechsel ganz besonders Rätselhaft, weil dort die Stoffe, die man dem Boden als Nahrung, also als Düngung anbietet, tatsächlich zum größten Teil – wenn man die Sache rein mengenmäßig betrachtet – aufgespalten werden, vor allem die Kohlenhydrate, die als Zellulose der häufigste Bestandteil der düngefähigen Mineralien sind. Hier kann man tatsächlich von "Mineralisation" sprechen, man darf nur nicht vergessen, dass sich die Mineralisation, d. h. die Aufspaltung bis zu ganz kleinen Mineralverbindungen, lediglich auf zweitrangige, organische Stoffe bezieht, nicht aber auf die biologisch wertvolleren, größeren Moteküle und schon gar nicht auf die lebende Substanz. Abgebaut wird nur das, was sich im Stoffwechsel der Organismen, besonders der Pflanzen, relativ leicht wieder aufbauen lässt; nicht abgebaut aber wird das, was für das Leben der Pflanze und letztlich auch der Tiere und Menschen wertvoll und lebenswichtig ist, und das sind in erster Linie die Lebenden Substanzen. […]
Das ist letzten Endes der tiefere Sinn so genannter Humusbildung, mit der aus unbrauchbarem, ja giftigem Abfall wertvollste Pflanzennahrung zubereitet wird, oder kurz gesagt: Was entbehrlich ist für die Pflanzen wird abgebaut – mineralisiert – was unentbehrlich ist, bleibt erhalten. […] Kein Mensch wird heute mehr ernsthaft bestreiten, dass sich biologische Wertigkeiten keineswegs am mengenmäßigen Anteil messen lassen. Die lebenden Substanzen dirigieren den ganzen Stoffwechsel, sie bewegen riesige Mengen von mineralischen Stoffen, sie gestalten jegliche Lebenserscheinung auf der Erde und machen doch nur einen unvorstellbar winzigen Anteil aller Stoffe aus, die zum Bau und Betrieb der Organismen gebraucht werden. […]
Das Entscheidende dabei aber ist und bleibt sie selbst; die lebende, Substanz mit ihrem Ordnungsgefüge, in dem alle lebendigen Gestaltungen der Erde eingeprägt sind. Ohne, sie gibt es kein Leben auf der Erde, und das Leben kommt nur aus Leben und niemals aus der Mineralisation. Damit werden sich auch die Agrikulturchemiker abfinden müssen."
Wer als Rusch-Schüler wie wir diese Forschungserkenntnisse über 30 Jahre im geschlossenen Kreislauf umsetzen durfte und dabei die stetige Besserung der Gesundheit und Fruchtbarkeit bei Pflanzen und Tieren sowie die vorher nicht gekannte Gare und Ertragskraft unseres Bodens bestaunt hat, der weiß das Vermächtnis Ruschs zu schätzen als das geistige und fachliche Fundament unseres organisch-biologischen Landbaus! Wenn das aus "heutiger Sicht" nicht mehr (an-)erkannt wird, werden wir den Zustand bekommen (oder schon haben?), den Herwig Pommeresche in seinem lesenswerten Buch "Humussphäre" so beschreibt: " Die Biologie hat in der wissenschaftlichen Entwicklung der Agrikultur versagt. Die technologische Landwirtschaft ist leider weit davon entfernt, etwas mit Ökologie gemeinsam zu haben. Solche Aussagen zeigen lediglich eine erschreckende Inkompetenz. Was vielmehr Sorgen macht ist, dass die so genannte ökologische Landwirtschaft fast schon wieder so gut wie technologisch ist. Von den Ökologen leider heute nicht (mehr) bemerkt, kann die ökologische Wissenschaft die chemische Agrikultur überhaupt nicht grundsätzlich angreifen. Sie hat fast keine tragenden Gegenargumente, weit sie nämlich mit dem gleichen NPK-Ernährungsmodell arbeitet wie ihr eigentlicher Gegner. Das beeinflusst die gesamte ökologische Landwirtschaft und es ist das, was eine zukunftsgerichtete Forschung und Praxis so verwirrt und ineffektiv macht.
Siegfried Kuhlendahl Velbert-Neviges
Die wahre Funktion des Humus
Scheller unterstellt Rusch den Humusbegriff, den dieser gerade so nicht definiert hat; heißt es doch im vorhergehenden Begleittext ausdrücklich (Bodenfruchtbarkeit, 6. Auflage, S. 105), was i.a. unter "organischer Substanz" verstanden wird: "Schwarzbraune oder graue Neubildungen…, die an den Grenzflächen der Tonkristalle anheften, dass sie weder chemisch noch physikalisch ablösbar sind. Es wird stillschweigend angenommen, dass alle anderen organischen Substanzen der Mineralisation anheim fallen, und damit ist der begriff "Humus" von einem Lebensvorgang zu einem natürlichen Abfallstoff degradiert worden."
Sofort daran anschließend folgt unter dem Untertitel "Huminstoffe" die von Scheller unvollständig zitierte Textstelle: Ordnen wir das, was man hier "Humus" nennt, in die biologische Rangordnung ein, so handelt es sich um Stoffe, die aus irgendwelchen Gründen nicht vom Boden verdaut werden, im wesentlichen um Inhaltsstoffe der Zellulosen und Haemizellulosen wie das Lignin. […] Tatsächlich haben die Humine mit der Bodenfruchtbarkeit so viel und mehr zu tun als die Tonkristalle, […] Humine… sind um das fünffache potenter als die Austauscher mineralischer Herkunft […]" Daraus ein Fehlurteil Ruschs abzuleiten, ist unkorrekt. Wenn Scheller dann neue Erkenntnisse über die Abbaumöglichkeit dieser organischen Stoffe anführt, so wirkt das Rusch-Zitat auch hier einseitig; denn Rusch schreibt im Nachsatz (Seite 106): " Dass sie (die Huminstoffe) gleichwohl im Boden noch mehr leisten können als die feinstrukturierten Tonkristalle, beweist allenfalls, dass organische Großmoleküle noch biologisch leistungsfähiger sind als mineralische und dass es die Natur versteht, Abfallstoffe für die Zwecke des biologischen Substanzkreislaufes zu gebrauchen auch dann, wenn es sich um Stoffe handelt, die aus dem Kreislauf ausgeschieden werden müssen." Anschließend gibt Scheller zu, dass 15.000 kg/ha Eiweißtrockenmasse im Boden sind; also haben wir es doch hier z.T. mit den von Rusch dargestellten und im Humus gespeicherten "lebenden Substanzen" zu tun, die allerdings im Falle einer Analyse durchaus zu Aminosäuren u.a. zerlegt werden können, was dann aber ihren Tod bedeuten würde. Leben kann ja bekanntlich durch Analyse nicht erkannt werden.
Scheller unterstellt im weiteren Text auf Grund einer Fehleinschätzung der Funktion der Huminstoffe, dass Rusch damit auch die wahre Funktion des Humus im Boden nicht hätte erkennen können. Hier kann man nur feststellen, dass Scheller den Kern der Arbeit Ruschs nicht erfasst hat: nämlich, dass dieser den Nachweis erbracht hat, dass die Pflanzen im Zusammenwirken mit den Wurzelsymbionten die Fähigkeit haben, die im Humus gespeicherten (lebendigen!) Großmoleküle über die Wurzel in sich aufzunehmen. Die neueren Forschungen von Rataever (s. "Humussphäre" von Herwig Pommeresche, 2004, S. 54) haben bereits 1993 die Bestätigung gebracht, dass die "Endocytose" es den Zellen der Wurzelspitze ermöglicht, diese Großmoleküle in die Pflanze aufzunehmen, so wie es Rusch als "Kreislauf der lebenden Substanz" schon in den fünfziger Jahren beschrieben hat. Damit ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass Rusch das jetzt 160 Jahre alte Dogma von der Pflanzenernährung mit Ionen nach Justus von Liebig zu Recht als lediglich eine Form der Noternährung eingestuft hat.
Rusch formulierte das "biologische Ganzheitsexperiment", das auch Scheller als durchaus zeitgerecht anerkennt; Rusch zeigt in seinem Buch auf, dass dieses die Grundlage ist für das Erscheinen der "Fruchtbarkeit als Ereignis": Fruchtbarkeit definiert Rusch als eine über viele Generationen mögliche Erhaltung der Arten. Dies geschieht im weitestgehend geschlossenen Kreislauf des landwirtschaftlichen Hoforganismus! Als positiver Beweis für die Richtigkeit dieser Idee kann gelten, wenn es zum Beispiel gelingt, auf einem Hof einen Weizen über eine Zeit von 47 Jahren ohne Saatgutwechsel nachzubauen, dabei den Ertrag und die Qualität des Getreides in dem gleichen Maße zu verbessern wie sich auch der Boden zu besserer Gare und Leistungsfähigkeit entwickelt. Dieser Beweis wurde auf unserem Hof erbracht. Daher bleibt das Buch von Rusch die auch heute noch zeitgemäße und gültige Grundlage der organisch-biologischen Landbaumethode als Basis des Bioland-Verbandes, wenn es richtig gelegen, richtig verstanden und richtig in die Praxis umgesetzt wird.
Alfred Colsmann Eurasburg
Der Arzt, der den Boden untersuchte
Der Frauenarzt und Bodenkundler Hans Peter Rusch wäre in diesem Jahr 100 geworden. Aus der Geschichte des Bioland-Verbandes ist er nicht wegzudenken. Gemeinsam mit dem Schweizer Agrarpolitiker Dr. Hans Müller und dessen Frau Maria entwickelte er in den fünfziger Jahren die Wirtschaftsweise des organisch-biologischen Landbaus. Während sein wichtigstes Werk "Bodenfruchtbarkeit" vielen ein Begriff ist, weiß kaum jemand über den Menschen Rusch Bescheid. Die Journalistin Iris Lehmann hat für uns recherchiert.
Wenn es um die Anfänge des Anbauverbandes "Bioland" geht, wird neben dem Ehepaar Hans und Maria Müller regelmäßig der Name Hans Peter Rusch genannt. Doch wer war Rusch eigentlich? Wenn sich Ulrike Maas, seine jüngste Tochter, an die Erzählungen aus der Kindheit ihres Vaters erinnert, denkt sie zuerst an einen großen Garten. Der wurde von der Familie bewirtschaftet und lieferte einen Teil der Nahrung. Besonders wichtig war im Hause ihres Großvaters, einem studierten Mathematiker und Physiker, auch die musische Bildung. Hans Peter Rusch, der in diesem intakten Umfeld am 29.11.1906 in Goldap (Ostpreußen) geboren wurde, lernte meisterhaft Klavier spielen; später schwankte er lange Zeit, ob er eher die Laufbahn eines Pianisten oder die eines Arztes einschlagen sollte. Die Wahl fiel auf das Medizinstudium, das er in Gießen durchführte und 1932 mit dem Staatsexamen abschloss.
Danach schien seine Karriere vorgezeichnet: 13 Jahre lang arbeitete Rusch in der Universitätsklinik unter dem Gynäkologen Prof. von Jaschke, habilitierte und wurde selbst Dozent für Frauenleiden und Geburtshilfe. Der Arzt Prof. Helmut Mommsen schrieb später, Rusch habe in dieser Zeit an der Klinik bei seinem Lehrer von Jaschke eine strenge Schule naturwissenschaftlichen Denkens durchgemacht. Die "Familiengründungsphase" fällt in diese Zeit. 1935 kommt Ruschs erste Tochter auf die Welt, es folgen in kurzen Abständen drei Söhne und die zweite Tochter.
Sein zielstrebiges Fortschreiten wurde durch die politischen Entwicklungen unterbrochen: Er meldete sich freiwillig zum Krieg. Ruschs älteste Tochter Helga Heim kommentiert: "Das geschah sehr zum Entsetzen von Jaschke. Mein Vater war 'unabkömmlich' gestellt und sollte dessen Nachfolger werden. Aber mein Vater sagte, dass ihn seine Kameraden brauchten." Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Mit den Fallschirmjägern kam Rusch als Stabsarzt nach Sizilien und Kreta – nach Kriegsende in ein Lager der Amerikaner in Ludwigsburg. Ein halbes Jahr später wurde er entlassen. Zurück an der Gießener Klinik musste Rusch feststellen, dass die ihm zugedachte Stelle besetzt war. Es folgte eine Zeit, in der sich der Arzt durch Mitarbeit bei einem Elektriker, bei einem Schreiner, als Dirigent eines Theaterorchesters und als Ziehharmonika-Spieler in einem Zirkus durchschlug. Dann eröffnete er in Frankfurt im Elternhaus seiner Frau eine Praxis. Parallel zur eigenen Praxis übernahm Rusch Praxisvertretungen bei seinem Freund Dr. Hans Kolb. Damit nahm die zweite Karriere von Hans Peter Rusch ihren Lauf. Er kam in Kontakt zum Wissenschaftler Dr. Arthur Becker, der seit 1922 mit bakteriellen Vaccinen (Impfstoffen) experimentierte. Während Hans Kolb viele Ergebnisse Beckers in der klinischen Praxis umsetzte, durchdachte Hans Peter Rusch die Erkenntnisse und errichtete ein immer umfassenderes Gedankengebäude auf dem von Bekker und Kolb gelegten Fundament, das er auch in Wort und Schrift bekannt machte. So veröffentlichte er in seinem ersten Buch "Naturwissenschaft von morgen – Vorlesungen über Erhaltung und Kreislauf lebendiger Substanz" eine Reihe von Vorträgen, die er bis 1953 hielt.
Seine Beobachtungen wurden nicht nur positiv aufgenommen, in verschiedenen Zeitschriften kam es zu teilweise heftigen Kontroversen. Durch den schriftlichen Schlagabtausch in der Zeitschrift "Der Schweizer Bauer", in dem Rusch 1952 gegen die Anwendung von Mineraldüngern Stellung bezog, geriet er ins Blickfeld des entstehenden organisch-biologischen Landbaus. Der Kontakt zu Hans Müller kam noch im gleichen Jahr zustande, nach einem Vortrag von Rusch mit dem Titel "Über die Humusbildung". 1954 gründeten Mommsen, Becker, Kolb, Rusch und andere engagierte Ärzte den "Herborner Kreis", dem es vor allem um die Durchführung von Versuchen in einem eigenen mikrobiologischen Laboratorium ging. Hintergrund des Wirkens war der Versuch, den Menschen in einem natürlichen Kreislaufsystem zu sehen, zu welchem sie den Kulturboden, die Landwirtschaft und die Ernährung zählten und den allgegenwärtigen Mikroben eine besondere Rolle einräumten. Gesundheit und Krankheit begriffen die Ärzte als Resultat des Zusammenspiels von Mensch und Umwelt, von Innen- und Außenwelt.
Ebenfalls in Herborn gründete Rusch eine Firma im Hinterhof einer Apotheke. Er produzierte dort das Bakterienpräparat Symbioflor – war jedoch, wie Rusch älteste Tochter Heim mit Nachdruck sagt "zum Unternehmer überhaupt nicht begabt." Kein Wunder, zur gleichen Zeit schrieb Hans Peter Rusch zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Aufsätze. So erschien in fast jeder Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift "Kultur und Politik" zwischen 1953 und 1988 ein Aufsatz. Außerdem hielt Rusch regelmäßig Vorträge auf den Studientagungen der Bauern-Heimschule Möschberg und beteiligte sich an Besuchen und Beratungen organisch-biologisch wirtschaftender Betriebe.
Doch im Laufe der Jahre gerieten Teile von Ruschs Überlegungen, insbesondere das "Konzept der lebendigen Substanz", zunehmend in die Kritik. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse ließen an einigen Annahmen zweifeln, eine eindeutige Widerlegung des Konzeptes war allerdings in den Fünfzigern noch kaum möglich. Rusch modifizierte das Konzept allmählich, distanzierte sich aber nie davon. Die Ablehnung in manchen Kreisen machte ihm dennoch zu schaffen. Er zog sich immer weiter zurück. Mitte der 50er Jahre war die Familie zum ersten Mal in Frankreich. In den folgenden Jahren baute Rusch dort ein Häuschen und siedelte Ende der 60er Jahre ganz nach Frankreich über. Der Umzug nach Frankreich hieß jedoch nicht, dass Rusch ganz aufhörte zu arbeiten und zu schreiben: 1968 erschien sein viel beachtetes Buch "Bodenfruchtbarkeit". Doch dem Arzt und Wissenschaftler waren nur noch wenige Jahre vergönnt, bevor bei ihm eine bösartige Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Ungefähr ein Jahrzehnt dauerte sein Kampf mit der Krankheit. Am 17.8.1977 starb Hans Peter Rusch in Südfrankreich.
Vergessen ist Rusch heute jedoch keineswegs. Im vergangenen Jahr wurde sein Buch "Bodenfruchtbarkeit" neu aufgelegt, die Firma, deren Grundstein er gelegt hat, wächst und gedeiht in den Händen seines Sohnes Volker Rusch unter dem Namen "Symbiopharm". Ein Projekt konnte Rusch allerdings nicht mehr erledigen. Die jüngere Tochter Ulrike Maas: "Er hat immer gesagt, und nun schreib ich noch ein Buch für meine Bauern... Doch dazu ist es nicht mehr gekommen."
Iris Lehmann Journalistin
aus: bioland, Fachmagazin für den ökologischen Landbau, Heft 02/2006
STIMMEN AUS DER PRAXIS Was bedeutet Rusch für mich?
Gesunde Lebensmittel machen gesund
Rusch war für mich der Einstieg in den biologischen Landbau. Im Studium bin ich auf Ruschs Buch "Die Bodenfruchtbarkeit" gestoßen und er konnte mir das klar machen, wozu weder Dozenten noch Lehrbücher in der Lage waren: den Zusammenhang zwischen Pflanze und Boden.
Der Begründer der Bodenfruchtbarkeitslehre, so sehe ich Rusch, war seiner Zeit weit voraus. Seit wir uns mit BSE auseinander setzen und wissen, dass Eiweiße Krankheitserreger sein können, sind wir genau bei Ruschs Aussagen angekommen. Rusch war überzeugt, dass außer Erbsubstanzen auch andere Substanzen in der Zelle sein müssen, die Qualitätsinformationen im Kreislauf weitergeben. Sein Ansatz war sicher nicht ganz richtig, aber das Wissen zu der damaligen Zeit war eben auch nicht vorhanden. Seine Ideen hätten aus meiner Sicht am Leben gehalten und fortentwickelt werden müssen. Leider haben wir dies nicht geschafft.
In erster Linie war Rusch ja Menschenarzt und ihm ging es um die Gesundheit der Menschen, während Müller agrarpolitische Impulse setzte. Die agrarpolitische Entwicklung läuft schon seit vielen Jahren nicht zu Gunsten der Landwirtschaft. Wenn wir also in unserer Arbeit irgendeinen Sinn sehen wollen, finde ich gerade Ruschs gesundheitlichen Ansatz um so wichtiger. Diesen Aspekt müssen wir jetzt stärker hervorheben und Allianzen suchen. Es geht bei unserer Arbeit nicht nur um Landschaftspflege und einen schönen Arbeitsplatz. Es geht darum, anderen Menschen zur Gesundheit zu verhelfen. Diesen Wert der Arbeit haben viele nicht oder nicht dauernd vor Augen. Ich denke, es wird vielen Bioland-Bauern zu einem neuen Bewusstsein verhelfen, wenn sie diesen Impuls stets in sich tragen würden. Wir müssen uns stärker auf die Zusammenhänge zwischen Mikroorganismen, Boden, Pflanze und Menschengesundheit besinnen. Mit Preiskämpfen und Kämpfen untereinander geben wir letztendlich unsere Idee auf und wir verlieren sehr viel an Qualität.
Erhard Schwalm Bioland-Gärtner in Hessen
aus: bioland, Fachmagazin für den ökologischen Landbau, Heft 02/2006
Nur Leben schafft Leben
Mit der Umstellung unseres Hofes 1975 wurde das Buch von Heinrich Brauner "Die wissenschaftlichen Grundlagen des organisch biologischen Landbaus" zum Fachbuch für die wesentlichen Anbaufragen. Es beschreibt die Erkenntnisse von Müller und Rusch in verständlicher Form. Durch Beachten dieser Grundregeln konnten wir in den 30 Jahren biologischer Wirtschaftsweise den Humusgehalt von 1,5 auf 4,5 erhöhen und den Durchschnittsertrag von 48 dt/ha Weizen und 39 dt/ha Dinkel und Roggen beibehalten, obwohl sich der Anteil der Hauptfruchtleguminosen auf 20 Prozent und die Tierhaltung auf 0,3 GV/ha verringert hat Bei allen Maßnahmen, die wir auf unseren Feldern durchführen, fragen wir zuerst, ob dies den Lebewesen dient, die in unseren Böden wohnen. Haben sie genügend Wasser, genügend Luft und ausreichend zu essen? So werden die ab Weihnachten gepflügten Äcker möglichst rasch bei Frost mit Mist, kompostiertem Gras, Siloabraum oder angerottetem Holzhäckselkompost abgedeckt. Mist oder unverrottete organische Substanz wird nicht untergepfügt. Unmittelbar nach der Ernte werden Gündüngungspflanzen angesät, auch vor Winterungen.
Wir haben den Mut, bei zu nassem Boden wieder umzudrehen und auf schwere 6-Zylinder-Traktoren zu verzichten. Gepflügt wird oft bereits im August und die danach angesäte Begrünung vor der Aussaat der Winterung oberflächig eingegrubbert. Die Winterfurche wird erst nach den ersten Frösten gezogen, wenn sich die Regenwürmer in tiefere Schichten verzogen haben.
Düngung heißt bei uns Fütterung der Bodentiere, am liebsten mit Pflanzenwurzeln. Die geringe Menge Gülle wird zur Hälfte mit Wasser verdünnt, ab 16 Uhr ausgebracht und am nächsten Tag eingestriegelt. Die Bodenlebewesen stellen bei dieser Pflege unseren Pflanzen ein reichhaltiges Angebot von Pflanzennährstoffen zur Verfügung. Mit Technik oder Chemie können nur solche Stoffe erzeugt werden, deren Atome und Moleküle eine periodische Stellung zueinander haben. Die aperiodische Stellung entsteht nur in der Natur, sie zeugt von Leben. Nur Pflanzen, die mit solchen, durch die Bodenlebewesen erzeugten Nährstoffen versorgt werden, sind wahre, der Gesundheit dienende Lebensmittel. Dies ist die eigentliche biologische Qualität und deswegen hat Rusch die These "Nur Leben schafft Leben" geprägt.
Andreas Gruel Bioland-Bauer in Baden-Württemberg
aus: bioland, Fachmagazin für den ökologischen Landbau, Heft 02/2006
Inhalt
Vorwort - Der Weg zum Ganzheitsdenken: Kritik der Landbaulehre - Die Kunstdüngung und ihre Institutionen - Die Heilkunde der technischen Perfektion - Therapia Magna Sterilisans - Kampf der lebenden Umwelt - Chemotherapie der Nahrungspflanze - Prinzipien der biologischen Wirkung synthetischer Gifte - Nährstoffdenken und Ernährungslehren - Über einige Konsequenzen des Nährstoffdenkens - Kampf aller gegen alle - Dogma und Erneuerung - Das Biologische Ganzheitsexperiment: Stoff oder Prinzip? - Die gegenwärtige Situation der Naturforschung - Physik und Biologie - Der toxisierte biologische Substanzkreislauf - Die Direktiven der biologischen Beobachtung - Die Testorganismen im biologischen Versuch - Der Umgang mit einem biologischen Ganzheitsexperiment - Die Lebendige Substanz: Fruchtbarkeit - ein Urphänomen - Die Zelle als Urzeugnungsmaschine - Über das Urphänomen Stoffwechsel - Von der Ordnung des Lebendigen - Das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Substanz - Der Kreislauf der lebendigen Substanzen - Erreger oder Nahrung? - Biologische Begriffsmodelle: Mineral und Humus - Die Urfunktionsbremsen der Organismen - Krankheit und Tod - Der Gott der Amöben - Fruchtbarkeit als Kriterium optimaler Funktion - Die biologische Einheit Leben - Anfänge der Ganzheitsbetrachtung - Das taugliche Begriffsmodell - Die künstliche und die natürliche Fruchtbarkeit: Entlebung der Erde und des Denkens - Die Dosierung der Pflanzennahrung - Aufwand und Ertrag - Bodenmüdigkeit - Der Gareschwund und seine Folgen - Vergleichende Übersicht Kunstdüngung - Humuswirtschaft - Wesen und Charakteristik natürlicher Bodenfruchtbarkeit - Das biologische Optimum - Humus - Biologisches Regulativ - Funktionelle Definition der Fruchtbarkeit - Grundlagen der Natürlichen Bodenfruchtbarkeit: Der Humusbegriff - Bodenbildung und Bodenarten - Der Tonkristall und seine Bedeutung - Kalium - Phosphor - Calcium - Mineralanalyse und Humuswirtschaft - Tonkristall und biologischer Substanzkreislauf - Die natürliche Bodenfruchtbarkeit - Das Wesen der Bodengare: Die Huminstoffe - Gare und Gareschwund - Die mikrobielle oder Zellgare - Die makromolekulare oder Plasmagare - Prinzipien des Bodenstoffwechsels - Fruchtbarkeit - eine biologische Potenz - Biologisches Gleichgewicht im Boden - Wasser, Luft und Wärme - Bestimmung der Zellgare: Das Ziel biologischer Tests - Der taugliche Test - Mikrobiologische Kasuistik und Ökologie - Die untaugliche Einzelbestimmung - Fruchtbarkeitsbestimmung an der Pflanze - Fruchtbarkeit und Zahl der Bodenmikroben - Technik 1 der Zellzählung - Technik 1 - Bewertung der Zellzahlen 1 - Zellzahlen 1 und Bodengare - Beziehung Dünger - Boden - Pflanze - Prinzip eines allgemeinen Versuchsmodells - Anatomie der Bodengarung - Resultate der Schichtenzählungen - Zellgare und Fruchtbarkeit - Bestimmung der Plasmagare: Beschaffenheit der Plasmagare - Messung des Makromolekular-Gehaltes - Rhizosphärensymbionten der Pflanze: Kultivierung der Wurzelflora - Einimpfen von Testorganismen - Technik 2 - Die Bedeutung der Zellzahl 2 - Zellzahlen, Düngung und Bodenart - Praktische Auswertung der Zellzahlen - Zellzahl und Rentabilität - Wirkung der Nährdecke und Flächenkompostierung - Das Verhalten leichter Böden - Das Verhalten schwerer Böden - Prinzip der Auswertung - Bestimmung der biologischen Qualität: Bedeutung der Bakterienfloren bei Mensch und Tier - Symbiose und Gesundheit - Verhalten lebender und toter Nahrung - Leben ohne Bakterien? - Die dreistufige Verdauung der Wiederkäuer - Floradiagnostik an Mensch, Tier und Pflanze - Die Analyse der Darm- und Wurzelflora - Der Charakter einer Flora und seine Darstellung - Symbionten, Schmarotzer oder Krankheitserreger? - Die Symbiontentherapie von Boden und Pflanze - Der taugliche Testorganismus - Gelenkte Verschiebung des Floracharakters - Technik 3 und 4 - Auswertung der Befunde: Bewertungsgrundsätze - Flora und elektrolytische Bodenreaktion - Anzeichen für Gifte bei Bodenproben - Die organischen Hemmstoffwirkungen - Der Regenwurm als Gütezeichen - Das Protokoll der Probenentnahme - Prüfung organischer Dünger und Komposte - Organische Handelsdünger und ihre Bewertung - Mikrobiologische Kontrolle der Stadtkompostherstellung - Richtlinien für die Humuswirtschaft: Die Prinzipien der Bodenbearbeitung - Die Nährdecke und Flächenkompostierung - Optimale organische Düngung - Die Unterscheidung von Kunst- und Naturdünger - Bodentausch, Urgesteinsmehl und Symbiontenimpfung - Krankheiten und Schädlinge - Resultate der Humuswirtschaft: Entwicklung der Bodenwerte bei Umstellung - Vergleich der Boden- und Nutztierleistung - Die Kostensenkung in der Humuswirtschaft - Die Rentabilitätsstatistik - Das Wunder der Humuswirtschaft - Geistiges Rüstzeug - Über die Einheit der Wissenschaften - Nachwort - Literatur
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